AFIR setzt die Grundregeln für öffentliches Laden.
Die AFIR gilt seit 2024 unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten, ohne nationale Umsetzungsgesetze. Für Betreiber öffentlich zugänglicher Ladepunkte definiert sie drei Kernpflichten: Ad-hoc-Laden ohne vorherigen Vertrag, transparente Preise vor Ladebeginn und die Bereitstellung von Standort- und Statusdaten. Diese Pflichten sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern geltendes Recht im laufenden Betrieb.
Ad-hoc-Laden bedeutet konkret: Ein Fahrer ohne Ladevertrag muss den Ladevorgang starten und elektronisch bezahlen können. An neuen DC-Ladepunkten ab 50 kW gehört dazu ein Kartenterminal oder eine kontaktlose Bezahlmöglichkeit. Der Preis muss vor dem Start klar erkennbar sein, damit Ad-hoc-Kunden nicht schlechter informiert sind als Vertragskunden.
Die Datenbereitstellung wird oft unterschätzt. Statische Daten wie Standort und Steckertypen sowie dynamische Daten wie Verfügbarkeit und Ad-hoc-Preis müssen maschinenlesbar verfügbar sein, damit Routing-Dienste und Flottensysteme sie nutzen können. In Deutschland kommt zusätzlich das Eichrecht hinzu: MID-konforme Zähler und OCMF-signierte Messwerte mit Transparenzsoftware bleiben unabhängig von AFIR verpflichtend.
- Ad-hoc-Laden ohne vorherigen Vertrag an öffentlich zugänglichen Ladepunkten.
- Elektronische Bezahlung, an neuen DC-Ladepunkten ab 50 kW per Kartenterminal oder kontaktlos.
- Preisangabe vor Ladebeginn, klar und vergleichbar.
- Statische und dynamische Daten (Standort, Verfügbarkeit, Preis) maschinenlesbar bereitstellen.
Seit Januar 2026: ISO 15118 für neue öffentliche AC-Ladepunkte.
Seit Januar 2026 müssen neu errichtete öffentliche AC-Ladepunkte in der EU ISO 15118 unterstützen, also die digitale Hochlevel-Kommunikation zwischen Fahrzeug und Ladepunkt. Der Bestand ist nicht rückwirkend betroffen. Trotzdem verändert die Pflicht sofort jede Beschaffungsentscheidung, denn was heute bestellt wird, muss die Anforderung erfüllen.
Technisch ist das mehr als ein Firmware-Schalter. ISO 15118 braucht ein PLC-Modem für die Kommunikation über den Control Pilot, während viele AC-Wallboxen bisher nur die Basissignalisierung nach IEC 61851 beherrschen. Hardware ohne PLC-Modem lässt sich nicht per Software nachrüsten, und genau daran scheitern nachträgliche Upgrade-Wünsche regelmäßig.
In Projekten sehen wir außerdem, dass die Firmware-Reife zwischen Herstellern stark schwankt. Ein Ladepunkt kann ISO 15118 auf dem Datenblatt haben und trotzdem im Handshake mit bestimmten Fahrzeugen scheitern. Beschaffung sollte deshalb nicht nur die Norm abfragen, sondern Interoperabilitätsnachweise und ein klares Update-Versprechen des Herstellers.
Plug & Charge steht und fällt mit der Zertifikatskette.
Plug & Charge ersetzt RFID-Karte und App durch zertifikatsbasierte Authentifizierung: Das Fahrzeug präsentiert ein Vertragszertifikat, der Ladepunkt prüft die Kette bis zur Root CA. Beteiligt sind mehrere Rollen: eine V2G Root CA an der Spitze, CPO-Zertifikate auf den Ladepunkten, Vertragszertifikate vom eMSP und die Provisionierung im Fahrzeug durch den Hersteller. Jede dieser Stellen muss ihre Zertifikate korrekt ausstellen, verteilen und erneuern.
Operativ bedeutet das einen Zertifikats-Lifecycle, den viele CPOs bisher nicht hatten: Installation, Erneuerung und Sperrung von Zertifikaten auf jedem Ladepunkt. OCPP 2.0.1 und 2.1 bringen dafür die passenden Nachrichten mit, etwa für Zertifikatsinstallation und die Weiterleitung von 15118-Zertifikatsanfragen. In der Praxis läuft die PKI-Anbindung meist über etablierte Betreiber; Hubject ist als Roaming-Hub und PKI-Anbieter die verbreitetste Anlaufstelle.
Fehlt diese Disziplin, scheitert Plug & Charge leise: Das Fahrzeug fällt auf eine andere Autorisierung zurück oder die Session startet gar nicht, und im Backend erscheint nur ein unspezifischer Abbruch. Für die Diagnose braucht es die vollständige Sequenz aus 15118-Handshake und OCPP-Nachrichten in einer gemeinsamen Timeline. Einzelne Fehlercodes reichen hier fast nie.
ISO 15118-20: Plug & Charge weitergedacht, V2G vorbereitet.
ISO 15118-20 ist die neue Protokollgeneration und bringt zwei wesentliche Erweiterungen: bidirektionales Laden als geregelten Anwendungsfall und eine überarbeitete Plug&Charge-Mechanik, unter anderem mit mehreren Vertragszertifikaten im Fahrzeug. Damit wird V2G vom Pilotthema zu etwas, das sich standardkonform bauen lässt.
Wichtig zu wissen: 15118-2 und 15118-20 sind getrennte Protokollgenerationen, die Fahrzeug und Ladepunkt beim Verbindungsaufbau aushandeln. Für Betreiber heißt das, neue Hardware sollte 15118-20-fähig oder zumindest herstellerseitig nachrüstbar sein. Das gilt besonders dort, wo bidirektionale Anwendungsfälle wie Flottenpufferung oder Depot-Lastverschiebung mittelfristig realistisch sind.
Auf der Backend-Seite flankiert OCPP 2.1 diese Entwicklung: Die Version ist verfügbar, abwärtskompatibel zu 2.0.1 und adressiert unter anderem bidirektionales Energiemanagement. Wer heute eine OCPP-2.0.1-Basis aufbaut, verbaut sich den Weg zu 2.1 also nicht. Der eigentliche Bruch liegt woanders, nämlich zwischen 1.6 und 2.0.1.
Praktische To-dos für CPOs mit Bestand.
Der Bestand muss nicht umgebaut werden, aber jede Erweiterung, jeder Ersatz und jeder Backend-Wechsel sollte die neuen Pflichten mitdenken. Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme: Welche Ladepunkte haben PLC-Hardware, welche OCPP-Version läuft wo, welche Standorte erfüllen die AFIR-Anforderungen an Bezahlung und Preisanzeige bereits, welche nicht.
Der zweite Schritt ist eine OCPP-Strategie. OCPP 1.6 und 2.0.1 sind nicht kompatibel, und das Zertifikatsmanagement für Plug & Charge ist erst ab 2.0.1 sauber gelöst. Ein Mischbetrieb über Jahre ist für die meisten Betreiber realistisch, deshalb sollte die Migration pro Standort oder Hersteller-Charge geplant werden statt als Big Bang über den gesamten Bestand.
In Projekten bewährt sich dafür ein OCPP Broker, der 1.6- und 2.0.1-Ladepunkte parallel gegen dasselbe Backend betreibt, während CPMS-Module Zertifikats-, Preis- und Datenprozesse schrittweise übernehmen. So werden AFIR und ISO 15118 keine Stichtagsprojekte, sondern ein kontrollierter Umbau im laufenden Betrieb.
- Inventar erstellen: PLC-Fähigkeit, OCPP-Version und AFIR-Status je Ladepunkt und Standort erfassen.
- Beschaffung anpassen: neue AC-Ladepunkte nur noch ISO-15118-fähig, idealerweise 15118-20-ready.
- PKI- und Roaming-Anbindung klären: Zertifikats-Lifecycle, Hubject-Anbindung, OCPI 2.2/2.3.
- Ad-hoc-Bezahlweg und Preisanzeige je Standort gegen die AFIR-Anforderungen prüfen.
- Datenbereitstellung für statische und dynamische Daten automatisieren statt manuell pflegen.